Vom Kult zur Kontroverse: Der lange Abschied von „Euphoria“
Die Hitserie „Euphoria“ ist nun wirklich vorbei – und zurück bleibt mehr Ratlosigkeit als Wehmut.

Mit dem finalen Schuss, der den Antagonisten Alamo zur Strecke brachte, ist schlussendlich auch die finale Klappe gefallen: Wie HBO jetzt kürzlich bestätigte, war das Ende der dritten Staffel von „Euphoria“ auch das Ende der kompletten Serie. Eine Nachricht, die unter Fans vor wenigen Wochen wohl noch für einen Aufschrei gesorgt hätte, gleicht nun schon fast einer Erlösung – doch an welcher Ecke ist das einstige Prestige-Drama plötzlich falsch abgebogen?
Der Anfang eines Phänomens
Wagen wir einen Blick zurück: Als „Euphoria“ 2019 startete, waren Namen wie Zendaya, Jacob Elordi und Sydney Sweeney zwar durchaus schon bekannt, wurden aber zweifelsohne erst durch den weltweiten Erfolg der Serie zu echten Hollywood-Größen. Gleichzeitig machte uns die Serie aber auch mit neuen Gesichtern wie Alexa Demie, Hunter Schafer und Barbie Ferreira bekannt und verhalf ihnen zum Branchen-Durchbruch.
Dass Staffel 1 schon damals durch die Decke ging, ist wohl eine Untertreibung: Wochenlang wurde in den sozialen Medien über die (mehr oder weniger) Freundesgruppe der East Highland High School diskutiert. Nicht zuletzt lag das auch an Schauspielerin Zendaya, die die Hauptfigur Rue Bennett verkörpert und dem Zielgruppenpublikum durch ihre Disney-Vergangenheit sicher schon bekannt war. Aber auch die zentralen Themen sorgten für Gesprächsstoff: Von der Suche nach Identität, dem Umgang mit Traumata bis hin zu realistischen Darstellungen von Suchtkrankheiten konnten sich die meisten Zuschauer:innen weitestgehend mit der Handlung und den Charakteren identifizieren.
Apropos Charaktere: Besonders in Staffel 1 standen diese und ihre Vergangenheit noch mehr im Fokus. Nahezu alle Hauptpersonen bekamen eine gut durchdachte und intelligent geschriebene Hintergrundgeschichte, welche in einzelnen Folgen porträtiert wurden – und das nicht schlicht irgendwie, sondern in Form von visuell ästhetischen Charakterstudien, die es dem Publikum leicht machen, sich ihnen emotional zu nähern. So etwas hat es in einer Serie dieser Art selten gegeben. Kein Wunder, dass die erste Staffel bei TV-Fans schon jetzt Kultstatus erreicht hat.
Vom Charakterdrama zum überladenen Spektakel
Von Episode zu Episode rückte der Schwerpunkt allerdings von den einzelnen Figuren (erinnert sich noch jemand an McKay?) mehr auf die Handlung, mehr auf das Drama, auf das Chaos – und hat sich schon da ein wenig selbst verloren. Denn die zweite Staffel wurde schon weitaus mehr diskutiert, vorwiegend aufgrund erster Vorwürfe von Überinszenierung der Handlung. Während der ein oder andere also zu diesem Zeitpunkt schon abschaltete, ließen sich eingefleischte Fans von den Kritikpunkten nicht so leicht abwimmeln. Verständlicherweise: „Euphoria“ sieht eben einfach zu gut aus. In dem Fall sind die Augen wohl einfach größer als der Verstand.
Der Moment, an dem das Drama jedoch vermutlich seine meiste Zuschauerschaft verloren hat, dürfte sich in etwa irgendwann während der vierjährigen (!) Wartezeit auf die dritte Staffel ereignet haben. Wogegen es zwischen Staffel 1 und 2 noch die beiden fantastischen Spezialfolgen „Kein Kummer währt ewig“ und „So wunderschön wie das Meer“ um Rue und Jules gab, ließ Serienschöpfer Sam Levinson die „Euphoria“-Fans diesmal komplett auf dem Trockenen sitzen. Anfang 2026 wurde dann endlich der 13. April als Starttermin für die dritte Ausgabe bekannt gegeben – ein Augenblick, als noch niemand ahnen konnte, was auf uns zukommen würde.
Besagte dritte Staffel also. Ehrlich gesagt, nach einem Blick auf Sam Levinsons zwischenzeitliche Projekte wie „The Idol“ und die wenig enthusiastische bis kaum existierende Promo des Casts, waren die Erwartungen schon im Vorhinein nicht sehr hoch – und wurden dennoch unterboten. Gleich in den ersten Minuten der ersten Folge fragte man sich, ob gerade überhaupt „Euphoria“ läuft oder man versehentlich eine andere Sendung gestartet hat. Von der viel gelobten Ästhetik, die Anhänger:innen noch bis zuletzt an dem Projekt festhalten ließ, ist nicht mehr viel übrig.
Stattdessen ist alles viel düsterer gehalten – etwa eine Metapher für das Erwachsenwerden? Schließlich wachsen die Charaktere quasi mit den Zuschauer:innen mit, denn zwischen Staffel 2 und 3 gibt es nicht nur einen echten temporalen Zeitsprung, sondern auch einen inhaltlichen, was Rue, Cassie und Co. inzwischen zu jungen Erwachsenen macht. Wenn so jedoch das Leben eines jungen Erwachsenen aussieht, möchte man doch lieber gleich einen weiteren Zeitsprung ins Rentenalter machen.
Figuren im Schatten ihrer selbst
Die einst nahbaren und komplexen Figuren wirken nur noch wie ein Schatten ihrer selbst: Ausgenommen Lexi sind alle weiblichen Hauptcharaktere auf verschiedene Art und Weise in Sexarbeit involviert. Nate hingegen scheint seine toxische Männlichkeit aus dem Nichts (überwiegend) überwunden zu haben – nur die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität klappt offenbar immer noch nicht so ganz. Stattdessen verbringt er seine Zeit als Geschäftsmann für Immobilien lieber mit krummen Deals in der Branche …
Anstelle eines Teen-Dramas hat sich „Euphoria“ durch die dritte Staffel zu einer Art Western-Thriller mit religiösen Untertönen katapultiert. Sie versucht kläglich, so viele zusammengewürfelte Genres wie möglich in nur acht Folgen zu vereinen, statt an nur einem Strang zu ziehen. Das führt zu einer überladenen Handlung ohne durchdachte Struktur, der ohnehin schon kaum noch zu folgen ist.
Vor allem möchte Schöpfer, Autor und Regisseur Levinson aber eins: polarisieren. Sei es durch die Vielzahl grausamer und grafischer Szenen von Brutalität oder aber die fetischisierte Darstellung weiblicher Körper einzig und allein in Verbindung mit Sexualität – die Schockwirkung steht für jede einzelne der acht aktuellen Episoden offensichtlich an erster Stelle. Das alles hat nur noch wenig mit dem ursprünglichen Kern der Serie zu tun und somit verliert dieser wiederum deutlich an Substanz.
Ebenfalls an Substanz verloren hat darüber hinaus auch besonders eine Figur, die in der Vergangenheit eigentlich wie eine Art Pendant zur Hauptrolle Rue funktioniert hat: Jules Vaughn. In der kompletten dritten Staffel taucht sie schon selten auf und hat dann insgesamt sogar noch weniger Sendezeit als gewisse Körperteile einiger anderer Darsteller:innen. Was einst als komplexe Charakterstudie einer jungen Transfrau galt, deren Adoleszenzgeschichte von toxischen Beziehungen geprägt war, hat sich zu einer eintönigen Nebenfigur entwickelt, die keinerlei Mehrwert mehr zu bieten scheint. Und klar, das Verhältnis von Jules und Rue war von Beginn an alles andere als einfach oder gar harmonisch – aber trotzdem hat man doch immer mit ihnen mitgefiebert. Ihre Interaktionen in der aktuellen Staffel wirkten in Retrospektive auf die bisherige Entwicklung des einstigen Paares hingegen eher flach.
Verluste, Abschiede und verpasste Würdigungen
Nach dem tragischen Tod von Angus Cloud, der die Rolle des Fezco verkörperte, tauchte dieser in Staffel 3 nicht mehr auf. Vermutlich haben die „Euphoria“-Dreharbeiten also erst nach seinem Tod begonnen. Auch Eric Dane (Cal Jacobs) ist noch vor Ausstrahlungsbeginn verstorben, taucht allerdings trotzdem noch in einigen Szenen auf. Sicher ist der Umgang mit dem Ableben eines Cast-Mitglieds im Nachhinein immer schwer – und trotzdem stößt es hier irgendwie sauer auf.
Dane hatte jedenfalls noch die Möglichkeit, sich mit seinem letzten Auftritt quasi noch selbst bei den Zuschauer:innen zu verabschieden. Dafür, dass Cloud diese Chance verwehrt blieb, kann natürlich niemand etwas. Dann jedoch im Anschluss mit dem Narrativ des Gefängnisinsassen, der einen Ausbruch plant, fortzufahren, statt den Darsteller anderweitig zu würdigen – es gibt hier sicher verschiedene Interpretationsansätze, doch einen bitteren Beigeschmack hat das allemal. Immerhin gab es in der letzten Folge ja noch den kleinen Moment einer Hommage an ihn.
Mehr denn je Sendezeit konnte wiederum Cassie abgreifen. Ihre „OnlyFans“-Storyline zieht sich durch die Folgen wie ein Kaugummi, bei dem man irgendwann vergisst, dass man es kaut und dann einfach herunterschluckt. So oder so ähnlich fühlt sich nämlich der Abschluss ihrer Geschichte an: unbefriedigend. Natürlich fiel durch den Tod von Nate zum Ende hin ein Teil ihres Handlungsstrangs weg – aber, wie die letzten Wochen über etabliert, gehört zu Cassie doch so viel mehr als nur ihr Mann.
Schwierig war sie zwar irgendwo schon immer, besonders in Kombination mit Maddie jedoch wurde sie als Figur immer interessanter. Dass der Handlungsstrang der beiden schlussendlich einfach hinten hinüberfällt, macht stutzig. Mit Blick darauf, wie explizit Cassies Körper für das vermeintliche Storytelling genutzt wurde und wie oberflächlich mit der Figur unter dem Strich abgeschlossen wurde, hätte man das Kaugummi doch lieber vorher ausspucken sollen.
Religion als Stilmittel ohne Substanz
Ein Thema, welches in den vorherigen Ausgaben kaum aufgegriffen wurde, die Charaktere nun aber nicht mehr loszulassen scheint, ist das der Religion. Die einzige wirklich religiöse Figur, die in Erinnerung bleibt, ist Ali. Übrigens: Dass der plötzlich als männliche Rolle einen gewaltsamen Racheakt ausführt und damit als Abschluss zum Protagonisten wird, ist für eine Serie, die sich sonst zentral mit weiblichen Perspektiven beschäftigt, eher schwierig.
Nun ja, Religion jedenfalls: Ali ist zwar Muslim, in Staffel 3 fokussieren sich die religiösen Aspekte allerdings auf das Christentum. Rue hat zu Gott gefunden, liest die Bibel und motiviert unbewusst sogar die vermeintliche Atheistin Lexi dazu, ihr es gleichzutun, die sich dann wiederum nach Rues Tod mit ihrer Schwester Cassie darüber unterhält. Diese Entwicklung der Figuren erscheint teilweise abrupt oder oberflächlich und Religion dient hier eher als erzählerische Abkürzung oder gar als eine Art Stilmittel für Schuld bzw. ein Schuldeingetändnis. Eine ernsthafte und differenzierte inhaltliche Auseinandersetzung mit religiösen Thematiken bleibt aus, sie dienen schlichtweg der Ästhetik und der moralischen Befreiung.
Neuer Sound, verlorener Rhythmus
Eine der größten Veränderungen, wenn nicht sogar DIE größte, ist aber eindeutig die Musik. In den ersten beiden Staffeln galt der Soundtrack als organischer Teil der Erzählung, wie etwa in der Szene, als Rue in Begleitung eines Chors den Titelsong „All for Us“ singt. Das Genie hinter der cleveren Verkettung von Musik und szenischen Narrativen ist der britische Sänger Labrinth. Nach Staffel 2 war für den 37-Jährigen allerdings Schluss: In einem Statement im Netz hieß es, er sei „fertig“ mit der Branche. Eine genauere Erklärung für das abrupte Ende der Zusammenarbeit gab es bisher nicht.
Abgelöst wurde der Musiker von keinem Geringeren als Hans Zimmer. Nichtsdestotrotz konnte der Oscar-Preisträger diesmal nicht überzeugen: Songs wirken diesmal häufiger wie nachträglich unterlegte Stimmungsverstärker, statt dramaturgisch mitzuerzählen. Statt Emotionen beim Publikum natürlich entstehen zu lassen, werden diese in Staffel 3 von der Musik schon fast erzwungen. Zudem fehlt ein erinnerbarer und innovativer Stil, wie er die früheren Staffeln prägte und Zuschauer:innen im Gedächtnis blieb.
Misogynie-Vorwürfe und ein letzter Lichtblick
Der zentrale Kritikpunkt für diese Staffel bleibt aber ohne Zweifel die Misogynie. Weibliche Figuren werden über Trauma, Gewalt, Sucht und sexuelle Ausbeutung definiert und ihr Leid ästhetisch inszeniert. Daraus resultiert augenscheinlich die Gefahr, dass weibliches Leiden visuell „schön“ gemacht und damit verwertet wird, statt es konsequent kritisch zu hinterfragen. Trotz ihres Anspruchs auf weibliche Selbstbestimmung kommt die Frage auf, ob die Serie im „Male Gaze“ verhaftet bleibt – etwa durch voyeuristische Kameraführungen. Darüber hinaus tragen weibliche Charaktere häufig härtere soziale oder emotionale Konsequenzen als männliche Figuren.
Aber selbst im Schatten glimmt noch ein Rest von Licht – und dieses Licht hört in dem Fall auf den Namen Zendaya. Ihre Darstellung von Rue ist weiterhin eine schauspielerische Meisterleistung. Von der Mimik und Gestik bis hin zur Artikulation: Zendaya schafft es, als Rue wie ein komplett anderer Mensch zu wirken. Kein Wunder, dass diese Darbietung schon zwei Mal mit dem Emmy als beste Hauptdarstellerin belohnt wurde. Ob es trotz der sonst eher negativen Rezeption der Staffel auch für den dritten Emmy reichen wird?
Ebenfalls positiv aufgefallen ist das Schauspiel von Neuzugang Adewale Akinnuoye-Agbaje, der den Alamo spielt. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, warum auf einmal ein willkürlicher Zuhälter-Cowboy den Haupt-Bösewicht spielen muss, wenn Nate bereits über zwei Staffeln hinweg als solcher etabliert wurde und durch die enge Verbindung zum Rest der Gruppe mehr Tiefe hatte.
Fazit: Was von „Euphoria“ bleibt
Unterm Strich bleibt eine Serie, die einmal mit Feingefühl und einer ganz eigenen Bildsprache begeistert hat – und sich später ein Stück weit in ihrem eigenen Anspruch verloren hat. „Euphoria“ wollte irgendwann immer noch größer wirken, noch bedeutungsvoller, noch provokanter. Dabei ist etwas von der Ehrlichkeit verloren gegangen, die die ersten Folgen so stark gemacht hat. Vielleicht ist das Ende deshalb weniger Tragödie als Konsequenz. Was hängen bleibt, sind ohnehin nicht die überinszenierten Momente, sondern dieses Gefühl aus der ersten Staffel – dass hier Figuren zu sehen waren, die sich echt anfühlten. Und genau das hätte eigentlich schon gereicht.




